Wieviel Stärke braucht es, gesellschaftliche Erwartungen zu brechen und unkonventionelle Wege zu beschreiten? Wie kann man unbeirrt gegen vorgezeichnete gesellschaftliche Regeln verstoßen und dazu gegen die eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit und Zugehörigkeit leben? Mit der Hauptfigur Elisabeth tritt im romantischen Schlüsselwerk Franz Liszts »Die Legende der heiligen Elisabeth« eine Frau ins Zentrum, die – als Vierjährige bereits verlobt und fernab der ungarischen Heimat aufwachsend – selbstbewusst und zielstrebig ihren eigenen Weg geht, die gegen die Widerstände der Ständegesellschaft dem Reichtum entsagt und so die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf und in Frage stellt. Radikale Nächstenliebe und kompromisslose Hingabe leiten die adlige Elisabeth von Thüringen. Ist das schon religiöser Fanatismus oder einfach Mut?
1862 in Rom vollendet und 1865 in Budapest uraufgeführt, ist Liszts Meisterwerk sicherlich eines seiner Schlüsselwerke, identifizierte sich Liszt doch in besonderer Weise mit der Figur Elisabeths: Wie er stammte sie aus Ungarn, beide hatten sich einer Mission verschrieben – er für die reine Kunst, sie für die reine Liebe. Beide fühlten sich innerlich zerrissen zwischen dem Anspruch an sich selbst, den hohen Idealen und den Niederungen des realen Lebens.
Musikalisch zeichnet sich Liszts »Elisabeth« durch eine ungewöhnliche Verbindung von geistlichem Oratorium, sinfonischem Denken und dramatischer Musiktheatersprache aus. Die Partitur ist stark von Liszts sinfonischer Entwicklungstechnik geprägt: Leitmotive strukturieren das Werk, verleihen den Figuren psychologische Tiefe und sorgen für einen kontinuierlichen musikalischen Fluss. Deutlich spürbar ist dabei der Einfluss Richard Wagners, dessen »Tannhäuser« Liszt nicht nur begeistert dirigierte, sondern dessen Klangsprache – insbesondere in der Verbindung von Erlösungs- und Liebesmotiv – in der »Elisabeth« weitergedacht wird. Liszt übertrug wagnerische Harmonik, expressive Chromatik und orchestrale Farben in einen geistlichen Kontext, der zwischen mittelalterlicher Frömmigkeit und romantischer Innerlichkeit vermittelt. So entstand ein Werk, das zugleich Andacht, Legende und musikdramatisches Panorama ist und eine eigenständige Antwort Liszts auf Wagners Musiktheater darstellt.
Das Konzert findet im Rahmen der aktuellen Saisonreihe der CPE.Bach.Akademie.Hamburg mit dem Titel »Glaubensfragen – Woran glauben wir (noch)?« statt.
BESETZUNG
CPE.Bach.Chor.Hamburg Chor
Chorknaben Uetersen Chor
Staatskapelle Halle Orchester
Susanne Bernhard Sopran
Anke Vondung Alt
Klaus Häger Bariton
Albert Dohmen Bass
Hansjörg Albrecht Leitung
PROGRAMM
Franz Liszt
Die Legende von der heiligen Elisabeth
Die Veranstaltung findet mit einer Pause statt.