Die Ausstellung im Schloss Reinbek zeigt eine Auswahl afrikanischer Masken aus der Sammlung von Rolf Italiaander. Die Werke laden dazu ein, die Maske nicht allein als kunstvoll gestalteten Gegenstand zu betrachten, sondern als Träger von Vorstellungen über Gemeinschaft, Identität, Spiritualität und gesellschaftliche Rollen zu verstehen.
Ausstellungszeitraum: 22. November 2026 - 24. Januar 2027
Masken faszinieren. Sie verbergen ein Gesicht und geben zugleich ein anderes zu erkennen. Sie verwandeln, schützen, verbinden und eröffnen einen Raum zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.
In vielen afrikanischen Gesellschaften sind Masken eng mit rituellen und sozialen Zusammenhängen verbunden. Sie können bei Initiationen, Festen, Tänzen oder Zeremonien eingesetzt werden und stehen häufig in Verbindung mit Ahnenvorstellungen, Naturkräften oder der Ordnung der Gemeinschaft. Entscheidend ist dabei nicht nur die Maske selbst: Erst im Zusammenspiel mit dem Träger, der Bewegung, der Musik, dem Tanz und dem jeweiligen rituellen Kontext entfaltet sie ihre Wirkung.
So wird die Maske zum Medium der Transformation. Der Mensch hinter ihr tritt zurück, während eine andere Identität sichtbar und erfahrbar wird. Aus einer Person kann eine Ahnenfigur, ein Geistwesen, ein Tier oder eine symbolische Gestalt werden. Die Grenze zwischen dem eigenen Ich und dem "anderen" beginnt sich aufzulösen.
Gleichzeitig sprechen die Formen der Masken eine eigene, unmittelbare Sprache. Geometrische Strukturen, stilisierte Gesichter, übersteigerte Proportionen und die Verbindung von Holz, Farbe, Fasern oder anderen Materialien zeugen von einer großen gestalterischen Vielfalt. Ihre ästhetische Wirkung hat auch die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst. Künstler der Moderne entdeckten in afrikanischen Skulpturen und Masken neue Möglichkeiten, den menschlichen Körper und das Gesicht jenseits naturalistischer Darstellung zu denken.
Doch die Begegnung mit afrikanischen Masken verlangt auch einen bewussten Blick auf ihre Geschichte. Viele Objekte gelangten im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durch Handel, koloniale Netzwerke, wissenschaftliche Expeditionen und private Sammlungen nach Europa. Eine heutige Ausstellung kann deshalb nicht nur nach Form und Schönheit fragen, sondern ebenso danach, woher ein Objekt kommt, in welchem Zusammenhang es entstanden ist und unter welchen Bedingungen es seinen ursprünglichen kulturellen Kontext verlassen hat.
Die Sammlung von Rolf Italiaander ist Teil dieser europäischen Sammlungsgeschichte. Ihre Präsentation ermöglicht es, die Masken aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten: als Zeugnisse kultureller Ausdrucksformen, als außergewöhnliche Formen künstlerischer Gestaltung und zugleich als Objekte mit einer eigenen, oft komplexen Biografie.
"Das andere Ich" ist damit auch eine Einladung zur Selbstreflexion. Was macht unsere Identität aus? Wie verändern wir uns, wenn wir eine andere Rolle annehmen? Welche Bilder haben wir vom Fremden und wie entstehen sie?
Zwischen Verbergen und Enthüllen, zwischen individueller und gemeinschaftlicher Identität, zwischen menschlicher Gestalt und übernatürlicher Vorstellung eröffnet die Maske einen Zwischenraum. Darin liegt ihre zeitlose Faszination: Sie zeigt uns nicht einfach ein anderes Gesicht. Sie stellt auch uns die Frage, wer wir selbst sind.
Text: Rik Reinking. WAI - Woods Arts Institute
Zur Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 22. November 2026 um 11:30 Uhr führen die Kuratoren Bernd M. Kraske und Rik Reinking einen freien Dialog über Werkauswahl und Konzept der Ausstellung. Eintritt frei.
Eine Ausstellung der Stiftung Sammlung Rolf Italiaander/Hans Spegg, des Woods Arts Institute und des Kulturzentrums Schloss Reinbek.